Brücken bauen zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit

Meeresbiologin Antje Boetius vermittelt Forschung authentisch und verständlich

Lange führte der Klimawandel in der öffentlichen Wahrnehmung ein Nischendasein. Das hat sich geändert. Zu verdanken ist das auch Wissenschaftlerinnen wie der Bremerhavener Meeresbiologin Antje Boetius. Denn der Dialog zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit gehört zu den zentralen Anliegen der mehrfach ausgezeichneten Tiefseeforscherin. Dafür geht die 52-Jährige auch ungewohnte Wege.

Antje Boetius, Direktorin des AWI in Bremerhaven (c)Alfred-Wegener-Institut Kerstin Rolfes
Antje Boetius, Direktorin des AWI in Bremerhaven, ist der Dialog zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit besonders wichtig. Für ihr Engagement wurde sie mit vielen Preisen ausgezeichnet. © Alfred-Wegener-Institut / Kerstin Rolfes
Das Wissen um den Klimawandel ist in der Bevölkerung angekommen
Ob der Sommer 2018 mit seinen scheinbar endlosen Sonnenstunden Teil eines Klimawandels war, wird sich erst in der statistischen Rückschau auf lange Zeitreihen zeigen. „Aber mit seinen Extremen, vor allem der großen und lange anhaltenden Trockenheit, hat er viele Menschen für das Thema Klimawandel und für seine Auswirkungen sensibilisiert“, sagt Antje Boetius. Die Professorin ist eine der bekanntesten Wissenschaftlerinnen in Deutschland, mit Preisen ausgezeichnet und seit 2017 Direktorin des Bremerhavener Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung (AWI).  Dass die wissenschaftlich basierte Erkenntnis über den Klimawandel in weiten Teilen der Bevölkerung inzwischen angekommen ist, entlässt die Forscher nach Überzeugung von Boetius nicht aus der Verantwortung: Die Wissenschaft sei „genauso wie alle anderen gesellschaftlichen Gruppen in der Pflicht, Stellung zu beziehen und mit auszuhandeln, in welche Richtung wir gehen müssen“.
Wissenschaftler tragen Arbeit nach draußen
Noch vor 20 Jahren wären so klare Worte in der Klimawissenschaft undenkbar gewesen. Nicht nur, dass aus damaliger Sicht ausreichend fundierte Beweise für den Einfluss der Menschen auf das Klima fehlten: Als die heute 52-jährige Boetius Studentin der Meeresbiologie war, sei es nicht Teil der Ausbildung und des Wissenschaftlerdaseins gewesen, den Dialog mit der Öffentlichkeit zu pflegen, sagt sie. Im Gegenteil: „Viele waren überzeugt, dass die Wissenschaft Übersetzer benötigt, nicht direkt kommunizieren kann und soll.“ Natürlich weiß sie, dass Forschung auch geschützte Räume zum Nachdenken und Erarbeiten von Wissens-Synthesen braucht. Aber gleichzeitig gebe es viel Wissen zu teilen: „Unsere Doktoranden und Wissenschaftler machen Science Slam, Pub Crawl, sie tragen unsere Arbeit nach außen.“
Mit Communicator-Preis ausgezeichnet
Antje Boetius ist Teil und Motor dieses neuen Rollenverständnisses. Auch sie selbst erhalte Unterstützung dafür, Wissenschaft in andere Formate zu tragen, wie in die Kinderfernsehsendung „Tigerenten Club“ oder in Talkshows. Dass die AWI-Direktorin mit dem Communicator-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft ausgezeichnet wurde, kommt deshalb nicht von ungefähr. Ausgezeichnet werden Wissenschaftler, die in besonders nachhaltiger Weise ihre Forschungen in die breite Öffentlichkeit außerhalb der Wissenschaft kommunizieren. Der Dialog zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit gehört zu Boetius‘ zentralen Anliegen. Ihre Kollegen und sie selbst leben aber auch davon, dass die Bevölkerung ihre Arbeit mit Neugier und Begeisterung begleitet: „Das gibt uns Wissenschaftlern viel Kraft und Ansporn, wenn wir spüren, wie sehr die Leute sich für unsere Themen interessieren.“
Boetius möchte mehr forschungsnahe Manager und gestaltungswillige Wissenschaftler
Als ihr der Posten der AWI-Direktorin angetragen wurde, zögerte die engagierte Tiefseeforscherin zunächst. Schließlich forschte sie gerne auf Expeditionen vor allem in der Tiefsee oder der Arktis – das würde mit der neuen Position zu kurz kommen. Auf die Pluspunkte-Seite gehörte für sie aber: „Wir Frauen können nicht immer nur fordern, in Spitzenpositionen zu kommen. Wir müssen auch mal in die Spur treten.“ Und: „Es sollte insgesamt mehr Diversität und Austausch in Spitzenpositionen der Wissenschaft geben, mehr forschungsnahe Manager und auch mehr gestaltungswillige Wissenschaftler.“
AWI verfügt über weltweit einzigartige Infrastruktur
Mit dem Bremerhavener AWI steht Boetius an der Spitze eines Forschungsinstituts, das im internationalen Netzwerk der Klimaforschung eine zentrale Rolle spielt. Mit Forschungsstationen in der Antarktis oder auf Spitzbergen, mit dem Eisbrecher „Polarstern“ und mehreren Schiffen für die Küstenforschung sowie mit zwei Forschungsflugzeugen „verfügen wir über eine weltweit einzigartige Infrastruktur“, freut sich Boetius. Dank der Arbeit seiner mittlerweile mehr als 1.200 Beschäftigten in Bremerhaven, Oldenburg und Potsdam sowie auf Helgoland und Sylt trägt das AWI wesentlich zum Verständnis des Klimas, der Ozeane und Küsten und den Hintergründen seiner Veränderung bei. „Die Welt schaut auf unsere Arbeit“, sagt die Direktorin ohne jedes Pathos.
Die Wissenschaft muss warnen und auf Lösungen drängen
Die fachliche Anerkennung rechtfertigt es in den Augen der Wissenschaftsmanagerin nicht, sich entspannt zurückzulehnen. „Die Zeit ist gekommen, als Wissenschaftler, als Meeres-, Polar- und Umweltforscher aufzustehen und Haltung zu zeigen“, betont sie. Dahinter steht die Überzeugung, dass Wissenschaft beim Thema Klimawandel eine besondere Verantwortung gegenüber der Allgemeinheit trägt: „Sie muss warnen, Optionen aufzeigen und auf gesellschaftliche Lösungen drängen.“ Antje Boetius geht es nicht allein darum zu informieren, sie erwartet Konsequenzen. Das AWI liefert belastbare Grundlagen für politisches Handeln, das aus Sicht der AWI-Direktorin zudem dem Standort Deutschland nutzen könnte: „Wir haben hierzulande so gute Voraussetzungen, eine Vielfalt von technologischen und gesellschaftlichen Lösungen zu entwickeln und uns für sie einzusetzen.“
Begeisterung für die Tiefsee hat nicht nachgelassen
Antje Boetius kann dies mit großer Überzeugungskraft sagen, weil sie nicht nur Führungskraft in der Forschung, sondern mit Leib und Seele Wissenschaftlerin ist. Seit dem Studium an der Universität Hamburg und der Scripps Institution of Oceanography in Kalifornien als eines der wichtigsten Meeresforschungszentren der Welt, verschrieb sie sich insbesondere der Erkundung der Tiefsee. Auch ihre Berufung ins Direktorat änderte nichts an dieser Begeisterung, zumal immer deutlicher wird, dass die von Menschen verursachten Klimaveränderungen längst Spuren in den Tiefen des Meeres hinterlassen. Sie hat das mit eigenen Augen immer wieder sehen können.
Bundespräsident würdigt Forschung „mit Tiefgang und Herzblut“
Das Engagement der AWI-Direktorin kommt an. „Forschung mit Tiefgang, Herzblut und der wunderbaren Gabe, Forschung so zu erklären, dass auch Laien sie verstehen können“, attestierte ihr Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, als er Antje Boetius 2018 den Deutschen Umweltpreis überreichte. Forschung ist für sie kein Selbstzweck, sondern eine notwendige Aufgabe. Was die Rolle der Wissenschaft für die Gestaltung der Zukunft angeht, warnt sie jedoch vor falschen Erwartungen: „Wir können erforschen, welches Energie-Portfolio sinnvoll ist, was wir brauchen, um die Korallenriffe und das Meereis zu retten. Wir können Optionen aufzeigen und mögliche Zukünfte aufzeigen. Aber wir können nicht die Lösung herbeiführen – da sind Politik, Wirtschaft und die Bürger gefragt.“
Autor: Wolfgang Heumer
Pressekontakt:
Jacqueline Martin, Pressestelle Telefon +49 (0)471 4831-1112, E-Mail medien@awi.de

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