Interview mit unserem Science Slam-Gewinner

michael-klosterMichael Kloster hat mit Mitte Dreißig noch einmal die akademische Schulbank gedrückt und an der Hochschule Emden/Leer seine Abschlüsse als Bachelor der Biotechnologie/Bioinformatik und Master of Applied Life Sciences gemacht. Aktuell arbeitet er im Hustedt Zentrum für Diatomeenforschung am Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven an seiner Doktorarbeit über Kieselalgen des Südozeans. Hierfür entwickelt er Methoden zur automatischen Auswertung lichtmikroskopischer Aufnahmen. Ein POLMAR-Auslandsstipendium führte ihn Anfang 2016 für drei Monate nach Sydney, wo er die Kieselalge Fragilariopsis kerguelensis untersuchte, die er beim Science Slam vorstellte.

 

In Bremerhaven hat es nach den Jahren 2009 und 2011 wieder einen Science Slam gegeben. Wie finden Sie es, dass ein solches Veranstaltungsformat in unserer Stadt durchgeführt wird?

Ich finde es großartig. Meiner Meinung nach ist es sehr wichtig, als Forscher öfter mal aus seinem Fachbereich und –publikum herauszutreten und seine Forschung der Allgemeinheit darzustellen. Diese finanziert meine Arbeit schließlich über ihre Steuern, und im Gegenzug ist mein kleines, eng umgrenztes Forschungsgebiet, auch wenn dies vielleicht auf den ersten Blick nicht immer ganz ersichtlich ist, hoffentlich auch für die Gesellschaft als Ganzes von Interesse. Ein Science Slam ist ein sehr schönes, weil einfaches und formloses Format, um eben jene fachfremde Zielgruppe zu erreichen. Außerdem ergeben sich durch den hierfür notwendigen neuen Betrachtungswinkel unter Umständen auch neue Einsichten, von denen wiederum meine wissenschaftliche Arbeit profitieren kann.

Wie oft haben Sie sich schon der Herausforderung gestellt, als sog. „Slammer“ innerhalb von maximal zehn Minuten ihre wissenschaftliche Forschungsarbeit unterhaltsam und verständlich darbieten und damit die Köpfe und Herzen von Zuschauern zu erreichen?

Der Slam in Bremerhaven war tatsächlich mein erster. Aber ich habe so viel Gefallen an der Sache gefunden, dass ich zwei Wochen später nochmal in Berlin aufgetreten bin, und morgen werde ich in Bremen beim Science Slam mit dabei sein.

img_22471
Michael Kloster in Sydney, wo er im Rahmen eines dreimonatigen Auslandsstipendiums die Forschungen durchführte, welche er während des Science Slams präsentierte.© Michael Kloster

Sie sind vom Publikum zum Gewinner der aus unserer Sicht erfolgreichen Wiederauflage des Bremerhavener Science Slams gekürt worden. Was war das für ein Gefühl, außerhalb eines wissenschaftlichen Umfeldes seine eigene Arbeit vor vielen Menschen als Slam vorzutragen? Wie haben Sie sich auf Ihren Slam vorbereitet?

Obwohl ich schon mehrfach auf Konferenzen und auch vor größerem Publikum vorgetragen habe, war der Science Slam doch eine einzigartige Erfahrung. Zum einen geht es dabei ja um einen Wettkampf, bei dem nicht nur die wissenschaftlichen Aspekte, sondern auch der Vortragsstil und das Übertragen der Begeisterung auf das Publikum eine wichtige Rolle spielen. Zum anderen empfand ich es als große Herausforderung, die Inhalte auf eine Art aufzubereiten, die auch für Nicht-Fachleute wirklich verständlich ist. Daher hat die Entwicklung meines Vortrags über längere Zeit stattgefunden, wobei zweimal „Testläufe“ vor kleinem aber kritischem Publikum stattfanden.

Wie würden Sie im Sinne eines „Science Slams“ Ihren Beruf / Ihre Arbeit beschreiben? Auf welche Art & Weise sind Sie dazu gekommen? Und wie führte sie dies nach Bremerhaven?

In meiner Brust schlagen zwei Herzen. Das eine gehört einem Ingenieur, der gerne Methoden entwickelt, Geräte baut und programmiert. Das andere ist das eines Forschers, der mit Hilfe eben dieser Methoden Neues finden und Ergebnisse erzielen möchte. Der Versuch, beides miteinander zu verbinden, hat mich in meiner Lebensmitte nochmal auf die Schulbank und schließlich als Doktorand an das Alfred-Wegener-Institut geführt. Hierhin ergaben sich erste Kontakte während meiner Masterarbeit 2013, und direkt nach dem Studienabschluss bin ich dann nach Bremerhaven umgesiedelt, um das Thema am AWI fortzuführen. Dabei ist meine Software für die automatisierte Auswertung von Bildern von Kieselalgen herausgekommen, welche ich immer noch weiter entwickele, und die den Grundstein für meine wissenschaftliche Forschungsarbeit legt. Seit Anfang 2015 arbeite ich nun an meiner Doktorarbeit.

sherpa-screenshots
SHERPA, die von Michael Kloster entwickelte Software zu automatisierten Auswertung von Diatomeen-Bildern. © Alfred-Wegener-Institut / Michael Kloster

Was finden Sie an Ihrer Arbeit toll, welche Momente sind besonders? Gibt es vielleicht sogar Lieblingsmomente?

Besondere Momente ergeben sich immer dann, wenn ich mit meiner Arbeit in die Öffentlichkeit hinausgehen kann und ein entsprechendes Feedback erhalte. Dieses ist enorm hilfreich dabei, meinen aktuellen Stand einzuordnen, sowohl was den Verbesserungsbedarf anbelangt, als auch die Bestätigung dafür, wo ich schon auf dem richtigen Weg bin. Neben meinen Forschungsergebnissen, welche nur für ein eng begrenztes Fachpublikum relevant sind, stelle ich in der Regel auch die von mir entwickelten Methoden und Software vor. Diese finden dann einen deutlich weiteren Anwendungsbereich als nur meine eigene Forschung. Dafür stehen sie selbstverständlich anderen Wissenschaftlern frei zur Verfügung, und finden besonders deswegen bei den Forscherkollegen Anklang, weil sie ermöglichen, einen Teil der häufig anfallenden Routineaufgaben automatisch vom Computer erledigen zu lassen. Diese Automatisierung kostet dann keine Arbeitsplätze, sondern schafft mehr Freiraum für die eigentliche Forschung bzw. ermöglicht es, sehr viel mehr Material zu analysieren und damit mehr und bessere Ergebnisse zu erzielen als bisher möglich.

Was schätzen Sie an unserer Stadt, die seit 2005 den Titel „Stadt der Wissenschaft“ trägt? Was würden Sie einem Neuankömmling der Wissenschaft empfehlen für sein Leben in der Seestadt?

Bei einer überschaubaren Größe bietet Bremerhaven eine Vielzahl von Möglichkeiten, um Forschung, Arbeit und Privatleben unter einen Hut zu bekommen, und das bei einem Preis-/Leistungsverhältnis, bei dem wohl keine Großstadt mithalten kann. Das AWI bietet als Großforschungsinstitut von internationalem Ruf hervorragende Möglichkeiten zum wissenschaftlichen Arbeiten, wobei mir besonders das multikulturelle und offene Arbeitsklima gefällt. Privat schätze ich die aktive Kneipen- und Musikszene (nicht nur) rund um die „Alte Bürger“, eine Reihe guter Restaurants und Imbisse, und natürlich die lauen Sommerabende und gelegentlich auch einen ordentlichen Sturm am Deich. Genau dies zu genießen würde ich auch jedem Neuankömmling empfehlen, ob Wissenschaftler oder nicht.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s